Sexuelle Teilhabe in der Ergotherapie

Bild von Isabel García auf Pixabay 

Das Thema sexuelle Teilhabe betrifft nicht nur körperlich und geistig „Behinderte“.



Sexuelle Teilhabe betrifft alle Patienten, die aus gesundheitlichen Gründen in ihrer sexuellen Aktivität beeinträchtigt sind, bzw. aufgrund einer altersbedingten oder psychischen  Erkrankung gar keinen oder weniger Sex haben, als gewünscht. 



Gelebte Sexualität - eine  Aktivität des täglichen Lebens


Sexualität gehört für Menschen zum Alltag und bedeutet Lebensqualität!

Ohne eine erfüllte Sexualität sinkt die Lebensqualität für Patienten und deren Angehörige immens!


Schon in der 3. Auflage des Occupational Therapy Practice  Framework (OTPF) von 2014 wird sexuelle Aktivität explizit als Teil der Aktivitäten des täglichen Lebens definiert!


Aktivitäten des täglichen Lebens sind eine Domäne der Ergotherapie!


Einschränkungen in der sexuellen Teilhabe können jeden treffen!

Sexuelle Probleme infolge von Operationen oder Erkrankungen

Bild von Gerd Altmann auf Pixabay


Nach einer Operation oder aufgrund einer Erkrankung kann die Sexualität oft nicht mehr wie gewohnt ausgelebt werden.


Was machbar ist und was nicht, muss neu ausgelotet werden. 


Sexuelle Probleme infolge altersbedingter Veränderungen 

Mit zunehmendem Alter verändert sich der Körper. Es kommt vermehrt zu Erkrankungen oder Durchblutungs-störungen (z.B. durch Diabetes, Bluthochdruck)

Durch die körperlichen und auch psychischen Veränderungen (z.B. durch die Menopause) können sexuelle Probleme auftreten.

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In der Pubertät

Bild von Gerd Altmann auf Pixabay 

Bei Jugendlichen in der Pubertät kann das Thema sexuelle Teilhabe akut werden (wenn z.B. die Impulssteuerung bei einer geistigen Behinderung oder bei einem ADHS reduziert ist, oder z.B. das Selbstwertgefühl massiv beeinträchtigt ist und eine Kontaktaufnahme zu potentiellen Partnern verhindert)


Beratung und Aufklärung der Eltern, sowie des Jugendlichen können die sexuelle Entwicklung und Teilhabe verbessern.


Beispiele für Krankheitsbilder, die mit sexuellen Problemen und Funktionsstörungen einhergehen können:

  • Diabetes mellitus
  • Endokrine Störungen/Hormonstörungen
  • Neurologische Erkrankungen (z.B. Morbus Parkinson, Multiple Sklerose, Plegien, Hemiparese, SHT, ALS, Ataxien)
  • Hypertonie
  • Chronische Nierenerkrankungen
  • Nervenläsionen, Rückenmarksverletzungen/
  • Querschnittslähmung
  • Durchblutungsstörungen (z.B. Arteriosklerose, kavernöse Insuffizienz)
  • Folge von Operationen oder Unfällen
  • Verletzungen (z.B. Penis, Prostata, Beckenboden, Harnblase/Harnwege)
  • Psychische Erkrankungen wie Depressionen oder Suchterkrankungen (z.B. Alkoholismus, Drogenmissbrauch)


Auch Medikamente können als Nebenwirkung sexuelle Probleme verursachen (z.B. manche Antihypertensiva, Diuretika, Antidepressiva, Neuroleptika… sind für solche Nebenwirkungen bekannt)


Typische Probleme mit denen Patienten zu kämpfen haben:

  • Potenzstörungen ( erektile Dysfunktion/ Erektionsstörungen)
  • Orgasmusprobleme (bei Mann und Frau)
  • Scheidentrockenheit  (mangelnde Lubrikation)
  • Schmerzen beim Geschlechtsverkehr (Dyspareunie)
  • Verkrampfung (Vaginismus)

Diese Probleme können entweder direkte Folgen der Erkrankung, der Medikation oder des Alters sein. Sie können aber auch durch psychische Ursachen (z.B. Versagensängste, Stress, Minderwertigkeitsgefühle, Scham) ausgelöst werden. Außerdem treten sie häufig auch als kombinierte somatische und psychisch bedingte Störung auf.


  • Bei motorischen Einschränkungen können viele Stellungen können nicht mehr eingenommen werden. Geeignete Alternativen sind oft, gerade bei älteren Menschen, nicht bekannt.
  • Sensibilitätsstörungen vermindern oder verhindern das sexuelle Erleben: Störungen der Taktilität und/ oder Tiefensensibilität (z.B. Lageempfinden), Hyper- oder Hypoästhesien
  • Probleme der Tonusregulation /Spastik bei neurologischen Erkrankungen erschweren die sexuelle Aktivität
  • Koordinationsstörungen behindern die Motorik beim Vorspiel und Verkehr
  • Verletzungsgefahr bei der Selbstbefriedigung, dem Vorspiel oder dem Verkehr bedingt durch verminderte Sensibilität und Schmerzempfinden im Bereich der Sexualorgane
  • Angst und Verkrampfungen vor „peinlichen Zwischenfällen“ (z.B. bei verminderter Kontinenz / Beckenbodenschwäche)
  • Versagensängste führen zur Beeinträchtigung sexueller Handlungen oder verhindern diese komplett
  • Kommunikationsprobleme mit dem Partner (z.B. über Bedenken, Ängste, Probleme oder Neigungen)
  • Mangelnde Stabilität bei Stellungen (Sturzgefahr, Verletzungsgefahr für beide Partner)
  • Oft eine gestörte Beziehung zum eigenen Körper und der Körperwahrnehmung
  • Angst, Kontakte zu knüpfen (Vereinsamung, soziale und sexuelle Deprivation)

Meine ergotherapeutischen Leistungen im Bereich sexuelle Teilhabe:

Da Ergotherapie ein verschreibungspflichtiges Heilmittel ist, kann ich hier nur auf ärztliche Verordnung (Rezept) tätig werden. Viele Ärzte kennen die Möglichkeit, bei Problemen der sexuellen Teilhabe Ergotherapie verordnen zu können, noch nicht.

Es bedarf hier keiner neuen Diagnosen - die „normalen“ Diagnosen der bestehenden Erkrankungen reichen völlig aus - Schlüsselpunkt ist die Leitsymptomatik!


Als Leitsymptom bietet sich die patientenindividuelle Leitsymptomatik an. Hier kann der Arzt anhand des Heilmittelkatalogs eine individuell angepasste Leitsymptomatik formulieren:


Beispiele:

Beispiel zu SB1 Erkrankungen der Wirbelsäule, Gelenke und Extremitäten (mit motorisch-funktionellen Schädigungen): „Einschränkung bei den Aktivitäten des täglichen Lebens und in der Alltagsbewältigung aufgrund eingeschränkter Gelenkbeweglichkeit. Auswirkungen auch auf die partnerschaftliche Interaktion und die sexuelle Teilhabe.“


Beispiel EN3 Periphere Nervenläsionen/ Muskelerkrankungen: „Probleme bei den Aktivitäten des täglichen Lebens und in der Alltagsbewältigung aufgrund einer Plexusparese mit eingeschränkter Bewegungsfunktionen, verminderter Muskelkraft und Hypotonus. Auswirkungen auch auf die partnerschaftliche Interaktion und die sexuelle Teilhabe.


Beispiel EN2 ZNS-Erkrankungen (Rückenmark)/ Neuromuskuläre Erkrankungen: "Einschränkungen bei den Aktivitäten des täglichen Lebens und in der Alltagsbewältigung aufgrund Multipler Sklerose mit Sensibilitätsstörung, Störung der Propriozeption sowie psychomentale und emotionale Problematik. Auswirkungen auch auf die partnerschaftliche Interaktion und die sexuelle Teilhabe."


Beispiel PS2 Neurotische, Belastungs-, somatoforme und Persönlichkeitsstörungen: "Einschränkung im Selbstvertrauen, sehr schüchtern, Probleme in der sozialen und emotionalen Interaktion, der Partnerschaft und der Sexualität infolge einer posttraumatischen Belastungsstörung."



Ohne ärztliche Verordnung können Sie als Selbstzahlerleistung zu mir in die therapeutische Sexualberatung kommen. Mehr Informationen finden Sie hier:

Auf ärztliche Verordnung biete ich im Rahmen der Ergotherapie z.B. an:

  • Beratung zu gelenkschonenden bzw. der Erkrankung /Einschränkung möglichen Stellungen
  • Beratung, Auswahl und Anleitung passender Hilfsmittel
  • Beratung zur Umfeldanpassung (z.B. Lagerungshilfen)
  • Beratung zur Erarbeitung alternativer erotischer Kompensationsstrategien
  • Angehörigenberatung/ Schulung (insbesondere Partnerberatung und Anleitung)
  • Stärkung des Selbstwertgefühls, der sexuellen Selbstbestimmung und der Fähigkeit, eigene Bedürfnisse erkennen und kommunizieren zu können
  • Stärkung der kommunikativen und sozialen Partnerinteraktion (Wünsche und Bedürfnisse ansprechen, Missverständnisse klären, Mut machen, Anregung geben)
  • Vernetzung und Einschaltung anderer Disziplinen im Sinne eines Therapie-Coachings/Koordination

Um Missverständnissen gleich vorzubeugen:

Ergotherapeuten legen nicht "Hand an" und führen keine sexuellen Handlungen durch! Solche Leistungen gehören in den Bereich der Sexualassistenz. Als Ergotherapeutin biete ich keine Sexualassistenz an!

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